Das Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig

 Das Völkerschlachtdenkmal am Rand der Stadt Leipzig ist mit seinen 91 m Höhe das größte deutsche Nationaldenkmal. Es wurde zwischen 1897 und 1913 im Auftrag des "Deutschen Patriotenbundes" von dem Architekten Bruno Schmitz (1858 - 1916) erbaut. Es soll an die Völkerschlacht im Oktober 1813, durch die Napoleon Bonapartes Gewaltherrschaft über Europa entscheidend geschwächt wurde, erinnern.

 Am Beispiel der 100jährigen Planungs- und Entwurfsgeschichte des Denkmals zeigt der Verfasser den Wandel des deutschen Nationalismus während des 19. Jahrhunderts und dessen Einwirkungen auf die Bildenden Künste, insbesondere die Architektur, auf. Sowohl zu Beginn wie am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland eine radikale Ablehnung der antiken Kunst aus nationalistischen Motiven und eine Hinwendung zu vermeintlich "germanischen" Ausdrucksformen.

 Bereits wenige Monate nach der Völkerschlacht entstanden eine Reihe von Entwürfen mit höchst unterschiedlichen typologischen und stilistischen Bezügen; ein Zusammenhang von Stil und Weltbild der Künstler ist unverkennbar:  Der völkische Trommler Ernst Moritz Arndt wollte ein "echt germanisches" Denkmal. Er plante einen mit Feldsteinen bedeckten künstlich aufgeworfenen Hügel, den ein eisernes Kreuz bekrönen sollte, inmitten eines Eichenhaines.

 Karl Friedrich Schinkel plante für Berlin einen gotischen Dom, um an die vermeintliche Glanzzeit des deutschen Reiches im Mittelalter anzuknüpfen.
Das Kreuzbergdenkmal in Berlin ist das bescheidene Resultat von Schinkels hochfliegenden Domphantasien - ein gesamtdeutsches Denkmal war den deutschen Fürsten und Königen nach 1815 nicht opportun; zudem war man durch die langen Kriegsjahre verarmt. Doch mußte der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797 - 1840) dem Volk, das den Sieg über Napoleon miterkämpft hatte, wenn schon nicht die versprochene politische Verfassung, so wenigstens ein Denkmal konzedieren.

Das Denkmal ist ein frühes Beispiel für den Stilpluralismus des 19. Jahrhunderts: der bewußten Wahl von formalen Vorbildern aus verschiedenen historischen Epochen, die jeweils mit unterschiedlichen Bedeutungen belegt waren. Die architektonische Großform ist den Fialentürmchen gotischer Kathedralen nachempfunden und soll an das mittelalterliche deutsche Reich erinnern - zu dieser Zeit glaubte man fälschlicherweise, daß die Gotik aus "deutschem Wesen" erwachsen sei. Die Genienfiguren in den Nischen sind hingegen antikisierend, dem humanistischen Ideal verpflichtet und zeigen die Porträts preußischer Royalties und Generäle.

 Der "Internationalist" Leo Klenze (1784 - 1864) entwarf einen Tempel in klassischen griechischen Formen, um an das gemeinsame europäische Kulturerbe zu erinnern und nach 20 Jahren Krieg eine Versöhnung zwischen den europäischen Völkern anzumahnen: "Das Denkmal, durch das geeinte Europa erstellt, soll auch sein gemeinsamer Besitz sein. Errichtet in der Mitte des Kontinents, soll es zur Feier paneuropäischer Feste dienen ... Die Nationen werden hier den symbolischen Ort ihrer Vereinigung finden."

 

 Der Entwurf des Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner für einen "Teutschen Nationaltempel" aus dem Jahr 1814 (Abb. rechts) diente schließlich dem Architekten Bruno Schmitz 1897 als typologisches Vorbild für das VSD: ein zweigeschossiges Mausoleum, das so auf einen hohen Sockel gestellt ist, daß es einer Stufenpyramide ähnelt. Die Vorderseite des Sockelgeschosses, den Weinbrenner "in Gestalt einer gothischen Festung" konzipierte, ist von einem riesigen Relief bedeckt, das die Völkerschlacht thematisiert. Darüber erhebt sich ein mehrfach abgestufter Baukörper, der einen zweigeschossigen Zentralraum birgt, dessen Kuppel von Palmenstämmen getragen werden sollte.

 

 

 

 

 Bis zur Reichsgründung 1871 stellte die Völkerschlacht einen wichtigen Bezugspunkt in der deutschen politischen Geschichte dar. Der 18. Oktober, der Entscheidungstag der viertägigen Leipziger Schlacht - die sächsischen und württembergischen Truppen hatten an diesem Tag die Front gewechselt und auf Seiten der Allierten (Österreich, Preußen, Rußland, Schweden) gegen Napoleon weitergekämpft - wurde zum Protesttag der zunehmend von den Fürsten unterdrückten liberal-demokratischen Bewegung: das Wartburgfest 1817 fand z. B. am 18. Oktober statt. Zum 50-jährigen Jubiläum 1863 versammelte sich auf dem Schlachtfeld eine große Menschenmenge, die für ein vereintes Deutschland demonstrieren wollte. Auch wurden von Künstlern immer wieder neue Denkmalspläne entworfen, von denen aber keiner realisiert wurde.

Durch den schnellen und berauschenden Sieg über Frankreich 1870/71 verlor die Völkerschlacht ihre Bedeutung. Das "Reich" wurde von Bismarck und preußischem Militär geeint - die Denkmalstätigkeit, die von kritischen Zeitgenossen als "Denkmalspest" verhöhnt wurde, konzentrierte sich auf dieses Ereignis.

Erst in den 1890er Jahren rückte die Völkerschlacht und die während der Befreiungskriege entstandene völkisch-nationalistische Ideologie erneut ins politische Interesse. Die Entlassung Bismarcks durch den jungen Kaiser Wilhelm II. 1890 führte zu einer Entfremdung zwischen dem Kaiserhaus und weiten Teilen des Bürgertums; eine sich formierende bürgerliche "Nationale Opposition", die für eine Erweiterung deutscher Macht insbesondere durch Kolonialpolitik eintrat (Gründung des Alldeutschen Verbandes 1890) machte zunehmend Front gegen die als zu zurückhaltend empfundene offizielle kaiserliche Politik. Kaiser und "Nationale Opposition" rivalisierten in den folgenden Jahren darum, wer die "nationalen Interessen" besser verträte. Patriotismus mutierte zu einem immer engstirniger und aggressiver werdenden Chauvinismus. Die nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. 1888 überall im Deutschen Reich konzipierten Nationaldenkmäler sind ein getreues Spiegelbild dieses politischen Konfliktes.

 

 Exkurs: Eines der herausragendsten Beispiele dieser Denkmalsgruppe stellt das von Bruno Schmitz entworfene Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen dar. Die Denkmalsanlage bekrönt einen langgezogenen Bergrücken, in dem der Volkssage nach der mittelalterliche Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa (1122 - 1190) jahrhundertelang auf die Erneuerung der Reichseinheit gewartet habe. Das gesamte ikonografische Programm zielt darauf ab, das neue, von Preußen beherrschte Kaiserreich als legitimen Nachfolger des 1806 von Napoleon aufgelösten mittelalterlichen Reiches darzustellen.  

 Den Mittelpunkt des weitläufigen Denkmalkomplexes bilden der alles überragende, mit einer Kaiserkrone bedeckte Turm, ein davor platziertes Kaiser-Wilhelm-Reiterdenkmal und der diesem vorgelagerte, in das Felsplateau versenkte Barbarossa-Hof . Genau über der von Nikolaus Geiger aus dem Stein gehauenen Barbarossafigur (Abb. unten rechts) erhebt sich das neubarocke Reiterdenkmal Wilhelms I. - das neudeutsche Kaisertum stellt sich als aus den Traditionen des Alten Reiches erwachsene Macht dar.

 Das Reiterdenkmal Wilhelms I. ist in neubarocken Formen gehalten und entspricht damit ganz dem Geschmack und Repräsentationsbedürfnis des Kaisers. Die Architektur von Bruno Schmitz orientiert sich hingegen stark am Formenkanon der Romanik, dem während der mittelalterlichen deutschen Kaiserzeit vorherrschenden Baustil: schwere gedrungene Formen, Rundbögen, Zahnschnittfries etc. Buckelquader und grobbehauene Bausteine erinnern an Burgen der Stauferzeit.

 Die Figur des Stauferkaisers Rotbart im untersten Teil der Denkmalsanlage befindet sich in einer von mehreren reich dekorierten Archivolten überfangenen Blendnische. Barbarossa scheint gerade aus dem Schlaf erwacht; sein langer Bart und das faltenreiche Gewand verknüpfen ihn eng mit dem Fels, auf dem sich das Denkmalsensemble erhebt. Die Physiognomie ist nicht authentisch, da von Barbarossa kein Porträt mit individuellen Gesichtszügen überliefert ist.

 Das Kyffhäuserdenkmal trägt noch einen ausgesprochenen Kompromißcharakter zwischen Kaiser und "Volk" - beide sind repräsentiert, wenn auch stilistisch schon getrennt: das Kaisertum in der neubarocken Skulptur, das "Volk" in der neuromanischen Architektur.

Das zeitgleiche, ebenfalls 1897 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin postulierte hingegen nicht nur durch seinen Standort - gegenüber dem Eosander-Portal des Stadtschlosses - den Alleinanspruch des Kaisers, die deutsche Nation zu repräsentieren. Der Hofbildhauer Reinhold Begas stellte die Reiterstatue Wilhelms I. auf einen hohen Sockel ins Zentrum der Anlage. Ein neubarocker Säulengang auf U-förmigem Grundriß hinterfing den von einer Victoria geführten Kaiser; zwei Quadrigen, die Nord- und Süddeutschland repräsentieren sollten, flankierten ihn. Eine Vielzahl von Löwen, Adlern, Rossen und anderem Getier bestückten das Denkmalsensemble und veranlassten einen zeitgenössischen Spötter, sich mit der "Zoologie der kaiserlichen Denkmäler" näher zu beschäftigen. Die Architektur und die allegorisch aufgeladene Plastik sind ganz dem Willen und Geschmack Kaiser Wilhelms II entsprechend "neubarock".
(Das Denkmal wurde - ebenso wie das Schloss - nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt.)

 Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal kann als "völkische" Antwort auf das Berliner Kaiser-Wilhelm-Denkmal verstanden werden. Denn die "Nationale Opposition" konnte sich mit diesem Kaiserdenkmal in neubarocken, d.h. im Ausland entwickelten Formen nicht identifizieren. In Leipzig sollte der Nation ein Denkmal in nationalem Stil gesetzt werden; doch mußte ein solcher erst entwickelt werden.

Bild rechts: Bruno Schmitz, Architekt des Kyffhäuser- und des Völkerschlachtdenkmals.

 Das Ringen um einen "nationalen Baustil" erforderte eine Vor- und eine Hauptkonkurrenz - schließlich fiel die Wahl auf Bruno Schmitz. Dieser griff auf Weinbrenners Entwurf zurück, änderte diesen jedoch entscheidend um, er wurde im Sinne des völkischen Nationalismus um 1900 "germanisiert": alle aus dem antiken Formenfundus stammenden Bauglieder wie Säulen wurden eliminiert, da sie als ausländisch und "undeutsch" betrachtet wurden. Sämtliche Formen wurden vereinfacht und archaisiert. Grobbehauene Rustikaquader verkleiden die unteren Teile des Denkmals und sollen dem vermeintlich groben, urwüchsigen Charakter der deutschen Nation, dem europäischen "Urvolk" Ausdruck verleihen.
 Die umfangreichen bildhauerischen Arbeiten am Völkerschlachtdenkmal wurden von Christian Behrens begonnen. Behrens schuf die Barbarossaköpfe an den vorderen Treppenwangen, das Standbild des mit einer spätmittelalterlichen Rüstung gepanzerten St. Michael und das diesen umfangende riesige Relief am Sockel des Denkmals (Abb. rechts, Detail), das das Leipziger Schlachtfeld darstellen soll.
 Nach dem Tod von Behrens führte Metzner die trauernden Krieger in der kreisförmigen Krypta, die Personifikationen der "deutschen Volkstugenden" (Tapferkeit, Glaubensstärke, Volkskraft, Opferbereitschaft) in der Ruhmeshalle und die Wächterfiguren auf der Kuppel aus. Als Vorbilder der monumentalen Tugendstatuen dienten die altägyptischen Memnonsäulen bei Theben.Während die Arbeiten von Behrens von hohem handwerklichen Niveau sind und dem Jugendstil zugeordnet werden können, ist bei Metzner eine stark archaisierende Tendenz zu bemerken. Die Vielzahl der gepanzerten Kriegergestalten am Denkmal spiegelt die Einkreisungsängste der Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg wieder.

 

 Archaisierende und formvereinfachende Tendenzen waren um 1900 ein gesamteuropäisches Phänomen - man denke nur an Picasso. Die überreife europäische Kultur drohte an ihren Traditionen zu ersticken und bedurfte befreiender Impulse, auch in der Kunst. Das Spezifische am Völkerschlachtdenkmal ist jedoch der chauvinistische Impuls seiner Erbauer und das Bemühen, eine aus - nicht vorhandenen - germanischen Traditionen abgeleitete Baukunst und Skulptur zu entwickeln.

Abb. rechts: Querschnitt des VSD

 Abgesehen von den beiden "Barbarossa-Köpfen" an den vorderen Stirnmauern, die sich auf das mittelalterliche römisch-deutsche Kaisertum beziehen, findet sich am Leipziger Denkmal keinerlei Bezug zum neudeutschen Kaisertum.

 

Bildrechte: Die Pläne und Entwürfe sind der "Deutschen Bauzeitung" und dem "Centralblatt der Bauverwaltung" (div. Ausgaben zwischen 1896 und 1913) entnommen. Farbbilder: Verfasser

 Eine Zusammenfassung meiner Thesen: Zur Baugeschichte des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig. In: Vom Kult zur Kulisse. Das VSD als Gegenstand der Geschichtskultur. Hrsg. von K. Keller und H.-D. Schmid. Leipzig 1995.
 Lexikon der Kunst. Seemann-Verlag Leipzig 1995. Stichwort: Völkerschlachtdenkmal

Rezensionen in: Journal of the society of architectural historians. Vol. LII   Nr. 3, 1993. (Alan Gowans).
Nordost-Archiv - Zeitschrift für Regionalgeschichte. Neue Folge Bd. VI /1997 Heft 1. (Helmut Börsch-Supan).

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